Du bist falsch, sagt die Schuld. Stimmt das?

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Wenn ein Erwachsener in den mittleren Jahren sagt, er fühle sich schuldig, sagt er damit noch nicht, was er meint. Das Wort ist unscharf und vieldeutig. Schuldig sein kann bedeuten, dass jemand gegen ein Gesetz verstoßen hat, einen anderen emotional verletzt oder eine Entscheidung nicht getroffen hat, die er später bedauert. Es kann auch bedeuten, dass jemand sich verantwortlich fühlt für Taten, die Menschen vor ihm begangen haben, Generationen vor ihm.

Die Wissenschaft kennt eine ganze Reihe dieser Formen. Da ist die juristische Schuld, bei der es darum geht, ob jemandem eine Tat zugerechnet werden darf. Davon unterscheidet sich die moralische Schuld, die nicht fragt, was vor Gericht gilt, sondern was zwischen Menschen geschuldet blieb. Dann gibt es die klinische Schuld, wie sie in Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen oder schweren Trauerverläufen auftritt. Es gibt eine Schuld nach dem Überleben, wenn andere nicht überlebt haben, und eine Schuld für das Handeln einer Gruppe. Und nicht zuletzt gibt es jene Form, die in einer Gesellschaft mit vielen Möglichkeiten entsteht: das Gefühl, nicht genug aus dem eigenen Leben zu machen.

All diese Formen tragen denselben Namen. Sie fühlen sich innerlich oft ähnlich an. Und doch hat die Forschung sie in den letzten Jahrzehnten sehr verschieden beschrieben. Zwei Befunde stechen dabei hervor: Sie zeigen, dass Schuld sich weder nach einfachen Regeln verteilt noch immer an das Getane gebunden bleibt.

Die erste stammt aus Untersuchungen zur kollektiven Schuld. Studierende wurden mit Informationen über Taten konfrontiert, die niederländische Truppen während der Kolonialzeit in Indonesien verübt hatten. Anschließend wurden sie gefragt, wie sehr sie sich dieser Geschichte gegenüber schuldig fühlten. Der naheliegende Gedanke wäre: wer sich stark mit seinem Land verbunden fühlt, empfindet auch dessen Schuld stärker. Das Ergebnis war ein anderes. Am meisten Schuld empfanden Menschen mit einer mittleren Verbundenheit. Wer sich stark identifizierte, wehrte die Informationen ab. Wer sich kaum verbunden fühlte, fühlte sich nicht angesprochen. Schuld, so deutet dieser Befund an, folgt nicht einer einfachen Linie von mehr Nähe gleich mehr Verantwortung.

Eine zweite Beobachtung stammt aus der Hirnforschung. Als Untersuchungen das Schulderleben von Menschen mit einer Neigung zu schweren Depressionen mit dem Schulderleben anderer verglichen, zeigte sich nicht einfach mehr Schuld, sondern eine andere. Im Gehirn der einen bleibt die Schuld eng an das konkret Getane gebunden, an ein bestimmtes Ereignis, an eine bestimmte Handlung. Sie sagt: dieses Verhalten war falsch. Bei Menschen mit einer Neigung zur Depression zeigt sich auch dann, wenn sie selbst gerade gesund sind, ein anderes Muster. Die Schuld scheint sich vom konkret Getanen abzulösen und den Menschen im Ganzen zu überziehen. Sie sagt nicht mehr, dass etwas Falsches getan wurde, sondern dass der, der sie trägt, als Ganzer falsch sei.

Im ersten Fall sagt sie: dieses Verhalten war falsch. Im zweiten Fall sagt sie: du bist falsch. Der Unterschied ist markant. Solange Schuld an etwas Bestimmtem hängt, an einer Handlung, einem Versäumnis, einem Moment, bleibt sie für den Menschen bearbeitbar. Er kann fragen, was geschehen ist. Er kann sich entschuldigen, wiedergutmachen, sein Verhalten ändern. In dieser Form hat die Forschung Schuld als einen der verlässlichsten Auslöser für faires, ehrliches und fürsorgliches Verhalten beschrieben.

Wenn Schuld sich dagegen vom Getanen ablöst und den Menschen als Ganzes überzieht, verändert sich das grundlegend. Es gibt nichts Bestimmtes mehr, dem man begegnen könnte. Ein therapeutischer Ansatz versucht deshalb genau das: die Schuld zurückzubinden, ihr wieder einen konkreten Gegenstand zu geben. Ein anderer setzt früher an und fragt, ob das Gefühl überhaupt auf etwas verweist, das einmal geschah, oder ob es ein Muster ist, das sich im Laufe des Lebens eingerichtet hat, unabhängig davon, was tatsächlich getan oder unterlassen wurde.


Der Pāli-Kanon, die älteste geschlossen überlieferte Textsammlung der buddhistischen Tradition, kennt kein einzelnes Wort, das dem westlichen Begriff der Schuld in genau entspräche. Wer dort nach einer Entsprechung sucht, sucht vergeblich.

Das heißt jedoch nicht, dass im frühen Buddhismus alles erlaubt wäre oder dass Taten ohne Gewicht wären. Im Gegenteil: wenige Traditionen haben das Verhältnis von Tat, Folge und Geist so genau zerlegt.

Der Buddhismus spricht von Taten und ihren Resultaten, von den Qualitäten des Geistes, aus denen heraus diese Taten entstehen. Die Eigenverantwortung für Taten ist unbestritten. Doch die Leitfragen lauten nicht: Wer ist schuldig? Wer hat eine Schuld zu tragen? Sie lauten: Aus welchem Geist heraus wird gerade gehandelt, und wohin führt dieses Handeln? Was hält einen Menschen davon ab, Unheilsames zu tun, und was geschieht im Geist, wenn es doch geschehen ist?

Drei Pāli-Begriffe sind dabei von besonderem Interesse. Sie beschreiben drei sehr verschiedene Zustände des Geistes, in denen das, was im Westen unter dem einen Wort Schuld verhandelt wird, in gegliederter Form wiederkehrt. Die ersten beiden werden in den alten Texten zumeist als Paar aufgeführt und gelegentlich auch als „die Hüter der Welt“ bezeichnet.

Der erste dieser beiden Begriffe lautet hiri. Er bezeichnet eine innere Scham, die nicht aus Angst vor Strafe entsteht, sondern aus natürlicher Zurückhaltung gegenüber dem, was man in klarem Licht nicht tun möchte. Der zweite lautet ottappa. Er bezeichnet eine Scheu, die auf die Folgen blickt: das Wissen, dass ein Handeln Wirkungen erzeugt, und die Umsicht, die aus diesem Wissen erwächst.

Bildlich beschreibt ein altes Gleichnis hiri und ottappa so: ein Eisenstab, dessen eines Ende mit Schmutz beschmiert und dessen anderes Ende glühend heiß ist. Der Ekel, das schmutzige Ende zu ergreifen, ist hiri. Die Scheu vor dem heißen ist ottappa. Beides wirkt heilsam, denn es schützt davor, Unheilsames zu tun.

Bemerkenswert an diesem Paar ist, woraus es erwächst. Weder sind hiri und ottappa Furcht, noch sind sie Zwang. Sie sind Ausdruck von Einsicht. Je klarer ein Mensch sieht, wie Handlungen wirken, welche Spuren sie im Geist und zwischen Menschen hinterlassen, desto eher wird er bestimmte Dinge schlicht nicht mehr tun wollen. Nicht, weil sie verboten wären, sondern weil er erkennt, dass sie nicht nötig sind und in ihren Folgen schädigend wirken können. Der Schutz vor unheilsamem Tun entsteht hier also nicht durch eine äußere Schranke, sondern durch ein inneres Verstehen. Das ist der analytische Kern: die Annahme, dass ein Geist, der klar sieht, von selbst anders handelt.

Der dritte Begriff beschreibt etwas anderes. Er lautet kukkucca und kommt am nächsten an das heran, was im Westen oft mit dem Wort Schuld gemeint ist: das rückwärts gerichtete Grübeln über Getanes und Ungetanes, das sich im Menschen einnistet und nicht mehr loslässt.

In den alten Texten gehört kukkucca zu den Hindernissen, die den Geist blockieren. Es gilt nicht als heilsam. Und es wird auch nicht als Reue verstanden, die ihre Arbeit tut und dann ruht. Es ist ein Geist, der nicht zur Ruhe kommt, weil er fortwährend ein vergangenes Geschehen umkreist. Energie fließt dabei unentwegt nach hinten, dorthin, wo nichts mehr zu tun ist.

Hier zeigt sich die vielleicht größte Differenz zum westlichen Verständnis. Getanes ist getan. Das Grübeln darüber macht es nicht ungeschehen. Im Gegenteil: wer mit dem Blick nach hinten durch die Welt geht, tritt vorne vielleicht in die nächste Pfütze. Weitere Dinge geschehen, die später zur Reue werden. Die Energie, die in die innere Anklage fließt, fehlt für das, was jetzt, in diesem Moment, möglich ist und heilsam getan werden kann.

Auch der frühe Buddhismus kennt also das, was die Hirnforschung bei Menschen mit einer Neigung zur Depression beschrieben hat: eine Schuld, die sich vom konkreten Tun löst und zu einem Zustand des Geistes wird. Er beschreibt sie nicht mit den Mitteln der Messung, er beschreibt sie aus der Nähe des erlebenden Geistes. Und er zieht einen anderen Schluss. Wo die therapeutische Zurückbindung fragt, woran sich die Schuld heftet, fragt die frühbuddhistische Betrachtung zusätzlich, ob der Geist selbst sich der Umkreisung entziehen kann, indem er sich einem anderen Gegenstand zuwendet.

Dieser andere Gegenstand ist das heilsame Tun, das jetzt möglich ist. Jede Handlung wirkt fort. Wer dies versteht, erkennt zugleich, worin sein Spielraum liegt: im aktiven Mitgestalten neuer Bedingungen, nicht im unmöglichen Wunsch, etwas rückgängig zu machen.

Der frühe Buddhismus hat dafür einen eigenen Begriff: bhāvanā, das Kultivieren dessen, was heilsam ist, in Gedanken, Worten und Taten. Nicht die Frage, wer zu tragen hat, sondern die Frage, was zu tun ist. Darin liegt kein Freispruch. Darin liegt die Umwidmung einer Kraft, die zuvor die Schuld gebunden hatte, hin zu dem, was sie verändern kann und befreit.