Ist Denken eine Pflicht? – Eine buddhistische Antwort

Video auf YouTube ansehen
Teil der Reihe: Ist Denken eine Pflicht? → Ist Denken eine Pflicht? – Was die Forschung zeigt

Ist Denken eine Pflicht? – Eine buddhistische Antwort

Um diese Frage gleich zu Beginn in Kurzform zu beantworten: Ja, Denken ist nötig. In bestimmten Formen ist es auf dem Weg geistiger Befreiung unabdingbar – etwa in einer weisen Reflexion. In anderen Fällen behindert es jedoch geistige Befreiung, dann könnte man es als Auswucherung bezeichnen. Der Pali-Kanon nennt klare Abgrenzungen, die gleich näher erläutert werden. Drittens: Auch vorsätzliches und wiederholbares Nicht-Denken ist für den menschlichen Geist möglich und erlernbar. Mit anderen Worten: Das Denken kann ein geeignetes Werkzeug sein. Nutzt man es unkontrolliert oder auf Grundlage mangelhafter Informationen, kann es in die Irre führen.


Im Dhammapada, einer der ältesten Sammlungen kurzer Lehrsprüche des Buddha, wird diese Spannweite des Denkens innerhalb zweier aufeinanderfolgender Verse deutlich zusammengefasst.

In der ersten Strophe heißt es: Was ein Feind dem Feind antut, was ein Hasser dem Gehassten – ein falsch ausgerichteter Geist tut ihm Schlimmeres noch als das. Oder um es etwas moderner auszudrücken: Die eigenen inneren Gedanken können schlimmer sein als das, was der böseste Feind einem anderen Menschen antun kann.

In der Folgestrophe des Dhammapada heißt es dann: Was eine Mutter, ein Vater täten, was auch immer andere Verwandte – ein recht ausgerichteter Geist tut ihm Besseres noch als das. Mit anderen Worten: Ein gut ausgerichteter, geschulter Geist ist ausgezeichnet und ein geeignetes Werkzeug – kein Problem.

Im Buddhismus wird die problematische Form des Denkens mit dem Pali-Wort papañca bezeichnet. Eine wörtliche Übersetzung ist komplex. Am nächsten kommt der deutsche Ausdruck „geistige Wucherung“. Aus einem einzigen Eindruck heraus entfaltet sich ein dichtes Geflecht aus Gedanken, das sich selbst nährt und nicht mehr loslässt. Wie eine klebrige Masse bietet diese Wucherung den Nährboden für weitere Wucherung.

Ein einfaches Beispiel aus der Praxis: Ein Mensch hört ein Geräusch. Das Geräusch wird sofort gedeutet, bewertet, mit Erinnerungen verknüpft, vielleicht mit Sorgen über die Zukunft verbunden oder auf andere Weise mit der eigenen Person in Beziehung gesetzt. Dieser Vorgang geschieht blitzartig, weshalb er für viele Menschen nahezu deckungsgleich mit dem Geräusch selbst erscheint. Ist das Geräusch beängstigend – etwa ein vermeintlicher Pistolenschuss – oder angenehm, etwa eine Lieblingsmusik, die man lange nicht mehr gehört hat, kleidet sich die geistige Wucherung jeweils anders aus. Aus dem schlichten Eindruck eines Klangs ist ein Strom geworden: papañca.

Diese Wucherungen haben sich von der ursprünglichen Wahrnehmung eines Klangs gelöst und nähren sich selbst weiter.


In einer berühmten Lehrrede beschreibt der Mönch Mahā-Kaccāna diesen Vorgang als Kette: Was man wahrnimmt, darüber denkt man. Worüber man denkt, davon ausgehend wird man – wie es im Pali wörtlich heißt – „bedrängt“ von Begriffen und Vorstellungen.

Der volle Umfang von papañca ist beträchtlich. Die folgenden Muster geben einen konkreten Eindruck davon, wie weit diese Wucherungen reichen:

  • Das regelmäßige innere Vergleichen mit anderen Menschen, als „ich bin besser“, „ich bin schlechter“, „ich bin gleichwertig“.
  • Das regelmäßige Bewerten von Erlebnissen – „das ist gut“, „das ist schlecht“, „das mag ich“, „das mag ich nicht“.
  • Das Sorgen über die Zukunft, das Grübeln über die Vergangenheit.
  • Die Gedanken darüber, wer man ist und was einem widerfährt.
  • Das Festhalten an Meinungen und Ansichten.

All das sind weitreichende Beispiele für ebendiese Wucherung.

Die Lehre ordnet die Wurzeln dieser Wucherung in drei Bereiche. Sie sind nicht isoliert zu betrachten, sondern stehen in einer Dynamik zueinander.

Der erste Bereich ist das Begehren. Im Pali wird es taṇhā genannt, was wörtlich „Durst“ bedeutet. Damit ist nicht nur das Wollen gemeint, etwas Bestimmtes zu haben, sondern auch das Wollen, etwas Bestimmtes loszuwerden. Beides ist Begehren – einmal in bejahender, einmal in verneinender Form. Solange dieser Durst aktiv ist, kommt der Geist nicht zur Ruhe. Er sucht, vergleicht, bewertet, plant. Sogar der Wunsch nach Frieden kann von Begehren begleitet sein.

Der zweite Bereich ist der Dünkel. Im Pali heißt er māna. Damit ist nicht nur Hochmut gemeint, sondern jede Form der inneren Selbstverortung. Die Lehre kennt drei Varianten: Ich bin besser als andere, ich bin schlechter als andere, ich bin gleich wie andere. Alle drei zählen zum Dünkel. Auch wer sich klein macht oder in falscher Bescheidenheit übt, befindet sich in diesem Bereich. Entscheidendes Kriterium ist, dass der Geist sich in Relation zu einem anderen vermuteten Umstand setzt und mit dem Ziehen von Vergleichen beschäftigt ist.

Der dritte Bereich betrifft die Ansichten. Im Pali heißt er diṭṭhi, wörtlich „Sicht“ oder „Meinung“. Gemeint ist das Festhalten, die Verhärtung des Geistes, das Erstarren in einer bestimmten Position. Etwa: „Die Welt ist so.“, „Ich bin so.“, „Das ist richtig.“, „Das ist falsch.“.

Eine spezifische Form von diṭṭhi ist die Selbstansicht: die feste Annahme, ein dauerhaftes, abgegrenztes Ich zu sein, einen stabilen Kern zu besitzen, der durch dieses Leben geht. Diese Annahme wirkt oft so selbstverständlich, dass sie gar nicht als Ansicht erkannt wird – und doch ist sie eine.


Wer diese drei Wurzeln betrachtet, erkennt: Kaum ein wacher Augenblick vergeht, ohne dass eine oder mehrere von ihnen tätig sind. Die Vorstellung, wie frei ein Mensch die Welt betrachten kann, wenn diese Wurzeln nicht gegeben sind – diese Vorstellung wird durch ebendiese Wurzeln verwehrt.

Demgegenüber steht eine grundlegend andere Form des Denkens. Im Pali heißt sie yoniso manasikāra. Das Wort ist komplex. „Yoni“ bedeutet Ursprung oder Quelle. „Manasikāra“ bedeutet Aufmerksamkeit, Beachtung. Yoniso manasikāra ist also wörtlich eine Aufmerksamkeit, die zur Quelle geht. Übliche deutsche Übersetzungen lauten „gründliche Aufmerksamkeit“ oder „weise Reflexion“.

Diese Form des Denkens greift einen Eindruck nicht auf, um ihn zu vermehren, sondern um ihn zu prüfen. Was ist das wirklich? Wovon hängt es ab? Worin bestehen Ursache und Wirkung? Diese Fragen vermehren den Inhalt nicht, sondern sie klären ihn auf. Der Eindruck wird auf seine tatsächliche Beschaffenheit hin betrachtet.

Voraussetzung für eine solche Prüfung ist jedoch ein persönliches Studium. Es benötigt eine zuverlässige und umfassende Aneignung von externem Wissen. Wer ohne diese Wissensgrundlage versucht, „zur Quelle“ eines Eindrucks zu gelangen, muss auf der Basis von Vermutungen arbeiten. Und diese Vermutungen können selbst eine Form der Wucherung sein.

Die buddhistische Lehre kennt deshalb drei Stufen der Weisheit. Die erste entsteht aus dem Hören – aus dem aufmerksamen Empfangen guter Lehre. Die zweite entsteht aus dem Reflektieren – aus dem eigenen Nachdenken über das Gehörte. Die dritte entsteht aus der Übung – aus der unmittelbaren Erfahrung.

Die weise Reflexion macht geistige Wucherungen überflüssig. Sie sorgt für Sachlichkeit, Sicherheit und Einsicht.


Bislang war von zwei Formen des Denkens die Rede: der Wucherung und der weisen Reflexion. Die buddhistische Lehre kennt darüber hinaus auch Zustände, in denen das Denken ganz zur Ruhe kommt.

Die meditative Übung beinhaltet verschiedene Stufen tiefer Sammlung, die im Pali als jhāna bezeichnet werden. Es gibt insgesamt acht dieser Stufen.

Zwei Begriffe sind für die Frage des Denkens dabei zentral. Vitakka bezeichnet das gerichtete Denken, das einen Gegenstand aufgreift. Vicāra bezeichnet das verweilende Erwägen, das bei diesem Gegenstand bleibt. Im ersten jhāna sind beide noch vorhanden, aber bereits fein und ruhig. Schon im zweiten der jhānas fallen sie ab. Der Geist verweilt in einer Stille, die mit Worten nicht mehr beschrieben werden kann. Der Grund ist einfach: Worte basieren auf Gedanken. Da keine Gedanken mehr im Geist präsent sind, ist es nicht möglich, diese Zustände in nachvollziehbare Worte zu fassen.

Diese Zustände sind in den Texten genau definiert. Das Pali kennt auch hier Beschreibungen für alle acht Zustände. Sie dienen jedoch einem theoretischen Verständnis außerhalb dieser Zustände selbst. Diese Zustände des Geistes sind nicht willkürlich oder zufällig. Sie sind beschreibbar und bei entsprechender Übung wiederholbar und erlernbar. Wer den Weg dieser Übung geht, erreicht sie nicht als Zufallserlebnis, sondern lernt, in sie einzutreten und in ihnen zu verweilen, wie es ihm beliebt.

Diese Zustände sind auch keine Trance. Die Achtsamkeit ist weiterhin stabil und aufrecht. Es bleibt klare Wahrnehmung, Sammlung, ein Gefühl von Frieden. Was nicht mehr da ist, sind die diskursiven Gedanken, die den Alltag durchziehen.

Aus buddhistischer Sicht ist Denken eine Tätigkeit unter anderen. Es kann zur Ruhe kommen.

Damit lässt sich die zentrale Frage des Beitrags beantworten: Denken ist keine Pflicht. Im ungeübten Geist wuchert es, im geübten klärt es, in der Vertiefung entfällt es.

Wer diese Möglichkeiten selbst kennenlernen will, hat sie in der Praxis durch das eigene Üben.