Wo war ich, bevor ich da war?

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„Wo war ich, bevor ich da war?“ Diese Frage stammt nicht von einem Philosophen, sondern von einem vierjährigen Kind. Und sie gehört zu jenen Sätzen, die Erwachsene gern überhören, weil sich darauf nicht leicht eine Antwort finden lässt.

Die entwicklungspsychologische Forschung der letzten Jahrzehnte zählt genau solche Äußerungen zu den aufschlussreichsten der frühen Kindheit. Ein drei- bis fünfjähriges Kind stellt im aktiven Austausch mit Bezugspersonen bis zu hundert echte Wissensfragen pro Stunde. Das ist kein Ruf nach Aufmerksamkeit, sondern ein echtes Verlangen nach Erklärung.

Unter diesen Fragen taucht eine Gruppe von Motiven auf, die die Forschung weltweit beschäftigt, weil sie in vielen untersuchten Kulturen wiederkehrt, unabhängig von Erziehung und Glauben. Es sind jene Fragen, in denen das Kind der Endlichkeit begegnet: dem Verschwinden der Dinge, dem Ort der Toten, dem eigenen Nicht-mehr-Sein und der Frage, was vor allem anderen da war.

Am frühesten begegnet dem Kind das Verschwinden. Die verlöschende Kerze. Das tote Insekt auf dem Fensterbrett. Das plötzlich abwesende Haustier. In den ersten Lebensjahren bleibt all das unverbindlich. Die Kerze könnte wieder brennen. Das Tier könnte wieder aufwachen. Doch schon zwischen drei und vier Jahren beginnt das Kind, den Tod als eine Form der Abwesenheit neu zu bedenken. Mit vier oder fünf reift dann jene Einsicht, die alles verändert: dass manches Verschwinden endgültig ist. Dass der Körper, der nicht mehr atmet, auch nicht mehr essen, nicht sehen, nicht denken wird. Mit sechs oder sieben Jahren fügt das Kind eine weitere Ebene hinzu. Sie betrifft nicht nur dieses eine Insekt, nicht nur das eigene Haustier, nicht nur den Großvater. Alles, was lebt, wird sterben. Es ist eine Einsicht, die sich Stück für Stück über Jahre aufbaut.

An dieser Stelle zeigt sich in der Forschung etwas Merkwürdiges. Während der kindliche Geist die biologische Seite des Todes allmählich begreift, arbeitet zur selben Zeit ein zweites System in ihm, das dieser Einsicht widerspricht. Ein berühmt gewordenes Experiment hat es auf besonders anschauliche Weise sichtbar gemacht. Kindern im Vorschulalter wurde eine einfache Geschichte erzählt: Eine Maus läuft durch den Wald, und ein Alligator frisst sie. Dann stellten die Forscher Fragen. Frisst die Maus noch? Nein, sagten die Kinder, sie isst nicht mehr. Sieht sie noch? Nein. Arbeitet ihr Gehirn? Nein. Bis dahin klingt alles nach einer klaren biologischen Auffassung des Todes. Doch dann kamen andere Fragen. Vermisst die Maus ihre Mutter? Ja. Ist sie traurig? Ja. Hat sie Angst? Ja. Dieselben Kinder, die den Körper für erloschen hielten, sprachen der Maus ungebrochen Gefühle und Wünsche zu.

Ein kindliches Bewusstsein kann sich seine eigene Auslöschung nicht vorstellen. Jede Vorstellung setzt voraus, dass vorgestellt wird. Einen Zustand, in dem gar nichts mehr vorgestellt wird, kann das vorstellende Bewusstsein von innen her nicht fassen. Darum fällt es dem Kind so schwer, den Gedanken an das eigene Ende zu greifen. Dass alles Lebendige stirbt, erfassen die meisten Kinder um das sechste, siebte Jahr. Die volle, emotionale Einsicht jedoch, dass auch das eigene Ich einmal nicht mehr sein wird, reift selten mit einem Schlag; sie dämmert über Jahre und meist zögernd. Das eigene Dasein wird dem Kind nicht dadurch bewusst, dass es ist, sondern dadurch, dass es einmal nicht mehr sein wird.

Und hier lässt sich etwas beobachten, das offen zutage liegt: In demselben Maß, in dem sich im Kind ein Ich aufbaut, wächst die Sorge um dieses Ich. Je fester das Bild vom eigenen Selbst wird, desto drängender die Notwendigkeit, es zu beschützen. Man kann es so lesen: Die Angst vor dem eigenen Ende wächst parallel zum Entstehen des eigenen Ichs.

Zugleich arbeitet im kindlichen Denken ein weiteres System, eines, das die Welt beständig nach einem Zweck durchsucht. Fragt man fünfjährige Kinder, warum es Berge gibt, antworten sie nicht geologisch. Sie sagen: damit man sie besteigen kann. Warum gibt es Flüsse? Damit man darin schwimmen kann. Warum sind manche Steine spitz? Damit Tiere sich nicht darauf setzen. Das Kind nimmt die Welt so wahr, als sei sie gemacht, mit einer Absicht, von jemandem, zu einem Zweck. Diese Denkfigur taucht auch in Familien auf, in denen von einem Gott oder einem Glauben nie die Rede war. Sie scheint zur Grundausstattung des frühen Denkens zu gehören.

Und wenn das Kind diese Denkfigur vom einzelnen Ding auf das Ganze überträgt, führt sie früher oder später zu der Frage, die jede Ursprungsgeschichte ins Wanken bringt: Wenn alles gemacht ist, wer hat die Welt gemacht? Und kaum ist das gesagt, folgt die nächste: Wer hat den gemacht, der die Welt gemacht hat? Das Kind trifft hier von selbst auf dasselbe Problem, an dem Teile der Philosophie seit Jahrtausenden arbeiten.

Es wäre ein Irrtum, diese Kinderfragen für naiv zu halten. Im Gegenteil: Das Kind steht den Dingen in manchem näher als der Erwachsene, der sie später überhört. Es nimmt den Wandel der Welt unmittelbar wahr. Das Ich, das sich später gegen solche Wahrnehmungen absichern möchte, ist in ihm noch im Aufbau.

Die frühe buddhistische Lehre spricht von drei Daseinsmerkmalen, die sich an allem Bedingten zeigen. Zu jedem einzelnen gibt es umfassende Darstellungen. Hier reicht es, die logische Folge nachzuzeichnen, in der sie auseinander hervorgehen.

Der erste heißt anicca, die Unbeständigkeit. Alles, was entsteht, vergeht. Die Kerze verlischt, die Frucht verfault.

Wenn aber alles, was entsteht, vergeht, dann kann nichts dauerhaft tragen. Jedes Haltenwollen stößt sich am Wandel; jede Bindung trägt ihren Verlust in sich. Dies ist das zweite Merkmal, dukkha, eine Unbehaglichkeit, die sich durch alles Bedingte zieht.

Und wenn nichts dauerhaft ist, dann kann es auch kein dauerhaftes Etwas geben, das dem Wandel als festes Ich gegenüberstünde. Dies ist das dritte Merkmal, anattā, das Nicht-Selbst. Und genau hier liegt die eigentliche Antwort auf die Ausgangsfrage dieses Beitrags.

Jedes neugeborene Kind beginnt ohne ein gedachtes Ich. Sein Leib unterscheidet zwar von Anfang an zwischen eigen und fremd; schon ein Säugling spürt den Unterschied zwischen der eigenen Hand an der Wange und der Hand eines anderen. Doch die Vorstellung, ein fester, eigener Kern zu sein, ein Ich, das diesen Leib bewohnt, ist nicht angeboren. Sie wird erlernt. Über Jahre hinweg fügt das Kind sie aus tausend Rückmeldungen zusammen: aus dem Namen, den andere rufen, aus dem Spiegelbild, aus Lob und Tadel, aus dem, was als „meins“ gilt und was als „deins“. Mit der Zeit verfestigt sich all dies zu einem Gefühl, das später kaum noch jemand bezweifelt.

Wenn dann die Frage erscheint „Wo war ich, bevor ich da war?“, so setzt sie in ihrer Grundannahme bereits dieses feste Ich voraus. Aus buddhistischer Sicht liegt der Fehler jedoch schon in eben dieser Grundannahme selbst: in der Vorstellung, es gäbe ein stabiles Ich. Woher kommt es? Wohin geht es? All diese Fragen führen den menschlichen Verstand allzu schnell auf Irrwege. Zusätzliche Konzepte werden nötig: eine Seele, ein höheres Selbst, wie auch immer man es benennen mag. Doch diese Konzepte sind vage; sie halten bei genauer Betrachtung nicht stand. Wie sollte diese Seele aussehen? Wo war sie vorher, und wer hat sie erschaffen? Wo ist ein Gott, und wenn er wirklich guter Absicht sein sollte, wieso handelt er dann nicht, wenn schlimme Dinge geschehen?

Die buddhistische Lehre bleibt hier sehr pragmatisch: Es gab und gibt zu keiner Zeit etwas Stabiles. Keinen festen Kern, der einen fixierten Ort haben könnte. Es gibt Bedingungen. Was wir „Ich“ nennen, ist ein Geflecht bedingter Vorgänge, die einander hervorbringen und wieder vergehen. Der Fluss ist nie derselbe, das Wasser ist nie das gleiche und doch setzt sich ein Flusslauf fort. Der Säugling ist nicht der Greis, und doch verbindet beide eine unausweichliche Spur.

Was aber würde ein buddhistisch versierter Mensch einem Kind nun antworten, wenn es ihn tatsächlich fragt: „Wo war ich, bevor ich da war?“

Er würde nicht versuchen, dem Kind einzureden, es existiere gar nicht. Dies wäre bereits eine der beiden weit verbreiteten Fehlannahmen: die Annahme, es gebe zunächst ein Ich, das eine Weile da ist und dann endet. Die andere Falle ist ihr Gegenstück: der Glaube an ein ewiges Selbst. Beide setzen dasselbe feste Ich zu einer bestimmten Zeit voraus. Die Daseinsmerkmale zeigen hingegen: Es gibt diesen festen Kern zu keiner Zeit. Diese Tatsache kann ein Mensch erkennen, wenn geistige Hindernisse wegfallen. Es ist kein Zugewinn in einem klassischen Sinne, kein „mehr“, sondern ein Aufgeben der Verblendung.

Auch das Kind wird sich zu gegebener Zeit und in geeignetem Alter vor dieser Frage wiederfinden. Die Antwort kann es nur für sich finden: paccattaṃ veditabbo viññūhi – es ist von den Weisen jeweils selbst zu sehen.

Die Fragen, die ein Kind sich stellt, verschwinden nicht, weil sie kindlich wären. Sie verschwinden erst wirklich, wenn sie wahrheitsgemäß beantwortet werden. Dort, wo die Antwort ausbleibt oder hohl und unlogisch erscheint, kehren sie später wieder: in der Jugend als Fremdheit, in den mittleren Jahren als Unruhe, schlimmstenfalls am Sterbebett als letzte offene Frage.