War mein Leben erfolgreich? – Eine buddhistische Antwort
War mein Leben erfolgreich? Ein erfolgreiches Leben im frühen Buddhismus.
Die buddhistische Lehre setzt mit einer einfachen Beobachtung ein. Alles, was im Leben erreicht werden kann, vergeht wieder. Geld, Ansehen, körperliche Stärke, ein guter Beruf, eine Familie, eine Sammlung von Erfahrungen – jedes dieser Dinge unterliegt der Vergänglichkeit.
Erfolg im weltlichen Sinn lässt sich nie wirklich besitzen und auch nicht festhalten. Was jemand erreicht hat, hängt an Bedingungen. Diese Bedingungen entstehen und vergehen.
Der Buddha hat diesen Zusammenhang oft beschrieben, manchmal in nüchternen Worten, manchmal in Bildern: Wer Freiheit und Glück sucht, sich dabei aber auf Dinge stützt, die Alter, Krankheit und Tod unterworfen sind, kann darin nur Alter, Krankheit und Tod finden – keine wirkliche Befreiung. Das Entstehen jeder Sache trägt ihr Vergehen schon in sich.
Gleichzeitig ist Vergänglichkeit keine emotionale Aussage. Sie ist die Beschreibung dessen, was jeden Moment geschieht. Wer dies einsieht, hat aus der Sicht der frühen Lehre etwas Wesentliches verstanden. Diese Einsicht selbst – ihr tatsächliches Durchdringen – gilt im Buddhismus als der Beginn dessen, was hier an dieser Stelle als echter Erfolg bezeichnet werden könnte.
Die frühe Lehre ist an unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebensstadien gerichtet. Der Pfad steht offen für Mönche und Nonnen und ebenso für Menschen, die im Hausleben leben – Männer und Frauen. Das Ziel ist für alle dasselbe.
Der Buddha hat ausdrücklich gesagt, dass die Lehre erst dort als vollständig gelten könne, wo Menschen aus allen diesen Lebensformen sie üben und weitergeben können. Die einseitige Vorstellung, der Pfad gehöre eigentlich nur ins Kloster, kommt aus späteren Schichten und kulturellen Verzerrungen. Im frühen Material ist diese Trennung nicht vorgesehen.
Allen Lebensformen gemeinsam ist, dass eine Übung nötig ist, die sehr vielfältig sein kann: Gutes tun, Geben und Teilen, Freundlichkeit, ein redlicher Beruf, ein maßvolles Leben, Moral und Ethik – viele Dinge schaffen eine Grundlage, auf der sich der Geist kultivieren kann. Die buddhistische Lehre hat all diese Bereiche in großer Ausführlichkeit detailliert formuliert und definiert. Die Übung erstreckt sich von alltäglichen ethischen Aspekten über die Schulung des Geistes bis zur durchdringenden Einsicht in die wahre Natur der Dinge.
Gleichzeitig drängt sich diese Lehre nicht auf. Sie macht unmissverständlich klar: Wer die Übung bleiben lässt, lebt mit den Folgen. Wer Erfolge in der Übung erzielt, lebt gleichsam mit ihnen.
Wenn das, was im gewöhnlichen Leben Erfolg heißt, in der buddhistischen Sicht keinen nennenswerten Erfolg darstellen kann – was wäre dann der wirkliche?
An dieser Stelle ist ein Sprung nötig. Zwischen der Frage und der Antwort liegt der gesamte Weg der praktischen Übung. Das sind, bildhaft ausgedrück, ungefähr achtzig Prozent eines großen Schrankes voll mit Büchern.
Festzustellen ist an dieser Stelle, was für die Frage nach Erfolg unmittelbar zählt. In den frühen Texten beginnt Erfolg im strengen Sinn erst dort, wo ein überwiegender Teil dieses Übungsweges bereits abgeschlossen worden ist. Diese Schwelle wird in den Suttas als „Strom-Eintritt“ bezeichnet. Sie ist die erste von vier Stationen, die in den Texten ebenfalls detailliert unterschieden werden, und sie markiert eben jenen Punkt, an dem der Pfad der Übung gewissermaßen in die Zielgerade mündet und nicht mehr verloren gehen kann.
Drei innere Bindungen sind an dieser markanten Stelle bereits gefallen. Erstens: die Vorstellung, ein festes, unveränderliches Selbst zu sein, einen stabilen und haltbaren Kern zu besitzen. Zweitens: der Zweifel, ob der Pfad wirklich trägt. Drittens: die Arbeit mit Riten und Regeln allein zur Befreiung führen könne.
Wer diese Schwelle überschritten hat, ist noch nicht umfassend befreit. Was geschwunden ist, sind das hartnäckige Gefühl eines abgegrenzten Ichs, der Zweifel an der Übung selbst und der bloße Glaube an Riten – all das ist über den Weg eines klaren Erkennens durchlässig geworden. Diese Erkenntnis lässt sich nicht durch bloßes Wollen erzwingen.
Zwischen dieser ersten Schwelle des Strom-Eintritts und der Vollendung liegen zwei weitere Stationen, die in den Suttas eigene Bezeichnungen tragen und die weitere wichtige Unterscheidungen enthalten. An dieser Stelle genügt es zu sagen, dass Begehren und Abneigung schwächer werden und schließlich ganz fallen.
Der Satz, der in vielen Suttas als Schlussformel eines vollendeten Lebens steht, lautet: „Geburt ist beendet, das heilige Leben ist gelebt, was zu tun war, ist getan, es gibt kein neuerliches Werden nach diesem.“ Dieser Satz markiert in den alten Texten das Ende der Übung. Er gilt erst für die vierte und letzte Station auf dem Weg zur Erleuchtung: die Arahantschaft.
Begehren, Abneigung und Verblendung sind versiegt. Es gibt nichts mehr zu erledigen.
Ein Arahant lebt nach dem Versiegen der inneren Bindungen weiter in dieser Welt. Er isst, er schläft, er spricht, sein Körper altert, er kann Krankheiten bekommen und er erfährt körperlichen Schmerz wie jeder andere Mensch auch. Was nicht mehr auftritt, ist das innere Verstrickt-Sein. Er sieht die Welt klar.
Die Lehre beschreibt einen so weit gereiften Menschen als einen, der in Körper, sittlichem Handeln, Geist und Einsicht umfassend geschult ist.
Der Geist wird weit genug, jedes Wesen aufzunehmen, das ihm begegnet. Der Arahant gilt in den Texten als ein Freund aller Wesen – es ist eine natürliche Folge dessen, was in ihm erloschen ist.
Aus der Sicht des Arahant fällt die Frage nach Erfolg in sich zusammen. Wer oder was sollte hier Erfolg haben? Die Frage selbst gehört in eine Welt, die den Begriff Erfolg erst durch viele weitere Wörter definieren muss.