War mein Leben erfolgreich? – Was die Forschung zeigt

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Teil der Reihe: War mein Leben erfolgreich? → War mein Leben erfolgreich? – Eine buddhistische Antwort

War mein Leben erfolgreich?

Ergebnisse der Wissenschaft. Was rückblickend wirklich zählt – und wer gar nicht bilanziert.

Es gilt als selbstverständlich, dass Menschen im Alter zurückblicken und Bilanz ziehen. Wer alt wird, so die verbreitete Annahme, sortiert sein Leben, wägt Gelungenes gegen Misslungenes ab und kommt am Ende zu einem Urteil.

Bereits 1963 beschrieb der amerikanische Psychiater Robert Butler den Lebensrückblick als einen natürlichen, allgemeinen Vorgang, der durch das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit ausgelöst werde. Butler ging davon aus, dass dieser Rückblick alle Menschen im Alter erfasst und entweder zu innerer Ruhe oder zu Bitterkeit führt. Diese Annahme prägte die Altersforschung über Jahrzehnte. Empirische Untersuchungen haben sie inzwischen deutlich eingeschränkt.

Die wichtigste Studie hierzu legte Sharan Merriam 1993 vor. Sie befragte Menschen im Alter von sechzig, achtzig und hundert Jahren danach, ob sie systematisch über ihr Leben nachdenken. Etwa 44 Prozent der Achtzigjährigen und knapp die Hälfte der Hundertjährigen verneinten dies. Spätere Untersuchungen bestätigten diesen Befund. Man kann sagen: Es gibt eine erhebliche Gruppe älterer Menschen, die schlicht keinen bewussten Lebensrückblick durchführen. Und diese Menschen sind dabei nicht psychisch anders belastet als der Durchschnitt. In manchen Auswertungen zeigen sie sogar geringere Werte für Anspannung und Ängstlichkeit.

Damit ist die Frage, ob ein Lebensrückblick zum Altern gehört, anders zu beantworten als lange angenommen: Rund die Hälfte der sehr alten Menschen zieht keine Bilanz, und ihnen fehlt dabei nichts, was sich messen ließe.

Wer zurückblickt, erlebt diesen Vorgang in sehr unterschiedlicher Weise. Die kanadische Forschung um Jeffrey Webster hat acht verschiedene Funktionen des Erinnerns unterschieden. Manche Formen des Rückblicks stärken das Selbstbild, helfen bei gegenwärtigen Problemen oder bereiten auf den Tod vor. Andere kreisen um alte Verletzungen, nähren Bitterkeit oder dienen lediglich dem Vertreiben von Langeweile. Ob ein Rückblick zu innerer Versöhnung oder zu Unbehagen führt, hängt von dieser Qualität ab. Auch hier: Bilanzierung an sich ist weder gut noch schlecht. Sie kann prinzipiell beides bewirken.

Die deutsche Forscherin Ursula Staudinger hat hierzu ergänzt, dass es weniger auf das Rückblicken als solches ankommt als auf die Art des Nachdenkens. Ein offenes, abwägendes Reflektieren führt zu Einsicht. Ein Kreisen um dasselbe Ereignis, ohne weiterzukommen, führt in die Niedergeschlagenheit. Das gilt im Übrigen nicht erst im Alter, sondern lebenslang.

Bleibt die Frage, was eigentlich als gelungenes Leben gilt, wenn alte Menschen selbst urteilen. Hier zeigen mehrere große Untersuchungen ein bemerkenswert übereinstimmendes Bild. Eine kalifornische Studie aus dem Jahr 2002 mit über 800 Befragten ergab, dass sich rund die Hälfte der älteren Menschen selbst als erfolgreich alternd einschätzt. Legt man die strengen biomedizinischen Maßstäbe der Fachwelt an, also Freiheit von Krankheit und ungeminderte Leistungsfähigkeit, erreichen nur knapp 19 Prozent diesen Status. Die Älteren selbst messen Erfolg also nicht unbedingt an Gesundheit, sondern an anderem.

An was genau, das lässt sich aus den Befragungen ebenfalls klar ablesen. An erster Stelle stehen enge, vertraute Beziehungen. Es folgt die Selbstannahme, also die Fähigkeit, das eigene Leben mit seinen Brüchen und Fehlern anzuerkennen. Wichtig sind außerdem die Fähigkeit zur Anpassung an Verluste, eine bejahende Grundhaltung sowie ein Maß an Selbstständigkeit. Gesundheit wird zwar genannt, aber meist als notwendige Voraussetzung verstanden. Auffällig zurück tritt der berufliche Erfolg. In den Rückblicken alter Menschen spielt er eine deutlich kleinere Rolle als in den Lebensentwürfen jüngerer Menschen.

Die amerikanische Längsschnittstudie um George Vaillant, die ab 1938 über fünfundsiebzig Jahre hinweg eine Männergruppe begleitete, kommt zu einem ähnlichen Schluss. Was ein Leben im Rückblick bereichert, ist nicht Bildung, Einkommen oder berufliche Position. Es sind herzliche Beziehungen, die Fähigkeit zu reifem Umgang mit Belastungen und stabile Bindungen über die Jahrzehnte hinweg.

Sogar diese Frage selbst, ob man überhaupt einen Lebensrückblick ziehen müsste, unterliegt einer kulturellen Einschränkung und ist keine reine Selbstverständlichkeit: Die Vorstellung, ein Leben in Form einer individuellen Bilanz zusammenzuführen, ist eng an westliche Lebensentwürfe gebunden. In ostasiatischen, afrikanischen und vielen anderen Zusammenhängen tritt die persönliche Rückschau hinter Familienbindung, Generationenbeziehung und gegenwärtigem Miteinander zurück. Auch innerhalb westlicher Gesellschaften setzt die Fähigkeit zur biographischen Selbsterzählung Bildung und kulturelle Übung voraus. Sie ist eine erlernte Praxis, kein allgemeinmenschlicher Entwicklungsschritt.

Die amerikanische Psychologin Laura Carstensen hat schließlich eine Erklärung dafür angeboten, warum viele Ältere weniger zurückblicken als angenommen. Mit dem Bewusstsein der begrenzten verbleibenden Zeit verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf das gegenwärtig Bedeutsame. Emotional wichtige Begegnungen, ruhige Momente, vertraute Menschen treten in den Vordergrund. Die Vergangenheit verliert dabei nicht an Bedeutung, aber sie steht nicht mehr im Zentrum.

Aus all dem ergibt sich ein verändertes Bild des Alterns. Die Hälfte der sehr alten Menschen zieht keine Bilanz und lebt damit nicht schlechter. Die andere Hälfte erlebt den Rückblick in unterschiedlicher Weise, mit unterschiedlichem Ausgang.