Gibt es einen Gott?

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Im Buddhismus wird die Existenz von Gottheiten nicht grundsätzlich bestritten, aber dort, wo von Gottheiten die Rede ist, sind dies niemals Schöpfer der Welt. Sie sind nicht allmächtig und nicht ewig. Auch sie unterliegen Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Und einige weisen dabei – ähnlich einem gewöhnlichen Menschen – Gier, Hass und Verblendung auf.

Die Vorstellung eines höchsten Schöpfergottes, wie sie etwa das Christentum kennt, wird vom Buddhismus verneint. Die Welt funktioniert auf Grundlage von Bedingungen. Jedes entstehen von etwas neuem oder etwas anderem hat Vorbedingungen.

Sogar dass sich etwas für einen gewissen Zeitraum erhält, scheinbar konstant erscheint, ist in Wahrheit ein fortlaufender Prozess verschiedener Bedingungen, die in jedem Moment kommen und gehen. Fällt eine Bedingung weg, zum Beispiel der Sauerstoff in der Luft, verändern sich auch die Dinge in dieser Umgebung rasant.1

Bedingtheit ist ein Naturgesetz, das vom Menschen selbst beobachtet und analysiert werden kann. Ein Glaube an eine höhere Instanz ist dafür nicht nötig.

Eine Allmacht, die nach Belieben in diese Abläufe eingreifen könnte – etwa die Schwerkraft aufheben oder ein geschehenes Ereignis ungeschehen werden lassen – würde es unmöglich machen, dass die Welt auf die Weise funktioniert, wie sie es in jedem Moment tut.

Eine solche Übermacht ist für das Funktionieren der Welt aber auch nicht nötig. Bedingtheit ist das Grundprinzip – und weil sie vollständig in sich funktioniert, ist kein Lenker der Welt nötig. Im Gegenteil: Er würde dieses Prinzip auf irrationale Weise behindern.

Genau an dieser Stelle liegt gleichzeitig der Handlungsspielraum für den Menschen - und jeder Mensch nutzt diesen Handlungsspielraum bereits: Indem er Dinge tut, nimmt er direkten Einfluss auf Bedingungen - auf Bedingtheit. Kein Zufall und keine Vorbestimmung sind dafür nötig.

Die zentrale Frage, die der Buddhismus stellt, liegt im Einklang mit dem gleichen Prinzip der Bedingtheit: Welche Ursachen hat das menschliche Erleben von direktem Leiden, und wie können diese Ursachen überkommen werden?

Die Antwort geben die vier edlen Wahrheiten: Erstens: Es gibt Leid. Zweitens: Dies sind die Ursachen. Drittens: Hört die Ursache auf, hört das Leiden auf. Viertens: Es gibt einen konkret definierten Übungsweg, der zu diesem Aufhören führt.


  1. Auch das Wegfallen einer Bedingung ist selbst bedingt: Der Sauerstoff schwindet, weil etwas anderes ihn verbraucht, verdrängt oder verhindert – und auch dafür gibt es wiederum Vorbedingungen. Keine einzige Bedingung ist in sich selbst fest oder ursprungslos. Der Buddhismus nennt dieses universale Strukturprinzip paṭicca-samuppāda: abhängiges Entstehen. ↩︎