Ist Denken eine Pflicht? – Was die Forschung zeigt
Oft braucht es keine Aufforderung: Gedanken scheinen zu kommen und zu gehen, wie sie es wollen. Ein kontrolliertes Nicht-Denken scheint vielfach unmöglich. Die Frage stellt sich: Ist Denken eine Pflicht?
Lange Zeit glaubte man, nur der Mensch wäre imstande zu denken. Doch die moderne Forschung hat gezeigt: Auch viele Tiergruppen denken und diese Fähigkeit ist sogar mehrfach unabhängig voneinander entstanden. Man findet sie bei Wirbeltieren ebenso wie bei Tintenfischen und Insekten. Auch die Hirngröße alleine ist dafür kein zuverlässiges Kriterium. Entscheidender sind die Vernetzung der Nervenzellen, ihre Dichte und die Anforderungen der jeweiligen Lebensumwelt.
Denken verbraucht viel Energie und deshalb kann man sagen: Es setzte sich in der Evolution nur dort durch, wo der Vorteil die Energiekosten des Denkens überwog. Denken war im Verlauf der Evolution nur dort nützlich, wo es die Überlebenschancen erhöhte.
Vor dem Blick auf den Menschen ein paar konkrete Beispiele aus der Tierwelt: Bei Rabenvögeln belegte Nicola Clayton 1998 mit Buschhähern ein Gedächtnis, das sich nicht nur das Versteck von Nahrung merken kann, sondern auch dessen Inhalt sowie den Zeitpunkt der Ablage. Verderbliche Wachsmottenlarven holten die Vögel nur in einem kurzen Zeitfenster zurück. Vögel derselben Art, die selbst einmal gestohlen hatten, verlegten sogar ihre eigenen Vorräte nachgewiesenermaßen um, sobald sie sich beobachtet glaubten – auch dies deutet darauf hin, dass diese Tiere eine Vorstellung davon haben können, was andere Wesen in der Umgebung wahrnehmen und welche Folgen sich daraus ableiten ließen.
Weitere Tests beweisen: Neukaledonische Krähen lösen mehrstufige Aufgaben und benutzen Werkzeuge; sie schließen dabei auch auf Akteure, die sich gerade nicht zeigen, sich aber in der Umgebung aufhalten könnten. Diese Prozesse sind komplexe Denkvorgänge. Es bedarf innerer Vorstellungen und der Übertragung von Gelerntem auf neue Umstände. Dies ist ein großer Unterschied zu einer Pflanze, die sich zum Licht dreht. Eine Krähe, die einen Draht zum Haken biegt, um Futter aus einem hohen Glas zu holen, löst hier ein Problem, das sie zuvor noch nie gesehen hat.
Eine ganz andere evolutionäre Linie liefert ähnliche Befunde. Der Kokosnuss-Oktopus Amphioctopus marginatus sammelt beispielsweise halbierte Schalen am Meeresboden, trägt sie unter sich her und baut daraus später einen Schutzunterstand. Julian Finn beschrieb zusammen mit seiner Forschungsgruppe im Jahr 2009 den ersten dokumentierten Werkzeuggebrauch eines wirbellosen Tieres.
Sogar Honigbienen mit weniger als einer Million Nervenzellen lernen abstrakte Konzepte wie „gleich“ und „verschieden“ und übertragen sie zwischen den Sinnen, wie Martin Giurfa 2001 zeigte. Man kann daher klar sagen: Auch Tiere denken.
Beim Menschen wird Denken zu etwas, das in seiner Bandbreite jedoch weit über das hinausreicht, was bei Tieren bisher beobachtet werden konnte. Es umfasst Erinnern, Vergleichen, Planen und Bewerten in vielfacher Weise.
Vielleicht übersteigt es sogar das, was die Evolution zur Erhöhung der reinen Überlebenschance begünstigte, denn die Gedanken eines Menschen reichen weit über das hinaus, was er zur bloßen Sicherung seiner unmittelbaren Lebensumstände benötigt. Der Mensch kann sich Dinge vorstellen, die nicht da sind, und auf verschiedene Sachverhalte schließen, die er nie unmittelbar wahrgenommen hat. Dies kann angenehme und unangenehme Konsequenzen für ein denkendes Wesen haben.
Eine wissenschaftlich brauchbare Definition lautet: Denken ist die innere Verarbeitung von Informationen ohne unmittelbaren äußeren Anlass. Es ist die Tätigkeit, die im Kopf abläuft, auch wenn die Sinne gerade nichts Neues melden. Sprache spielt dabei eine besondere Rolle, denn ein großer Teil des menschlichen Denkens läuft als innerlich gesprochener Dialog ab.
Interessant dabei: Menschen denken in 46,9 Prozent ihrer wachen Zeit an etwas anderes als das, was sie gerade tun. Wer mit den Gedanken nicht beim Tun war, zeigte sich im Durchschnitt außerdem unzufriedener, ganz unabhängig vom Inhalt der Gedanken selbst. Diese Erkenntnisse stammen aus einer berühmten Untersuchung von Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert aus dem Jahr 2010. Über eine Smartphone-App wurden damals 2.250 Teilnehmer aus 83 Ländern in zufälligen Momenten befragt, was diese gerade tun, woran sie denken und wie sie sich fühlen; insgesamt kamen rund 250.000 Datenpunkte zusammen. Die Forscher fassten ihren Befund prägnant zusammen: Ein menschlicher Geist ist ein wandernder Geist, und ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist.
Damit ist die Frage allerdings noch nicht beantwortet, ob „nicht denken“ überhaupt möglich ist. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das nicht so leicht zu klären. Denn zuvor muss definiert werden: Was ist per Definition ein Denkprozess und was nicht? Ist jede Aktivität des Gehirns ein Denkprozess? Sind etwa Träume ein bewusstes Denken? Oder das Empfinden einer bestimmten Temperatur, wenn ein Mensch friert oder es ihm zu warm ist? Die Forschung tut sich schwer damit, die Definition des Denkens eindeutig zu beantworten. Eine einzige, allgemein akzeptierte Definition gibt es nicht.
Ein Teil der Forschung versteht Denken eng: als sprachlich oder symbolisch gefassten Vorgang, also etwa das innere Sprechen oder das Bilden von Aussagen wie „Ich glaube, dass …“ oder „Ich befürchte, dass …“. Der amerikanische Philosoph Jerry Fodor hat diese Auffassung 1975 in seiner viel diskutierten Hypothese einer „Sprache des Denkens“ formuliert.
Eine andere Strömung fasst das Denken weiter. Der Philosoph José Luis Bermúdez argumentierte 2003 in seinem Buch „Thinking without Words“, dass auch nichtsprachliche Tiere und vorsprachliche Säuglinge im wörtlichen Sinne denken. Ihre inneren Vorstellungen seien geordnet und strukturiert, aber eben nicht in Sprache gefasst. Diese Auffassung passt zu dem, was die Forschung an Krähen, Oktopussen und Bienen beobachtet hat – diese Tiere können denken, ohne eine uns bekannte Sprache zu nutzen.
Aus diesem definitorischen Spielraum ergibt sich eine grundlegende Folgerung. Würde ein Zustand bewussten Wachseins, in dem keine sprachlichen Gedanken, keine Bilder und keine willentlich ausgerichtete Aufmerksamkeit auftreten, in dem aber Bewusstsein vorhanden ist, nach wissenschaftlicher Definition als „Denken“ gelten? Nach den meisten gängigen Auffassungen: nein. Er fiele unter eine andere Kategorie: phänomenales Bewusstsein ohne sprachlich-symbolische Verarbeitung. Wahrnehmung ist nicht dasselbe wie Denken, und Bewusstsein ist es ebenfalls nicht. Das Sehen, wie ein Ast von einem Baum bricht, kann ohne jeden Gedanken geschehen. Bei einem Menschen genauso wie bei einem Tier.
Aber was heißt das praktisch? Kann ein Mensch nun ohne Denken sein oder nicht?
Aus wissenschaftlicher Sicht ist die ehrliche Antwort weder ein klares Ja noch ein klares Nein. Sie hängt davon ab, von wem die Rede ist und unter welchen Bedingungen.
Im Alltag des gewöhnlichen Menschen lässt sich „nicht denken“ praktisch nicht beobachten. Das Gehirn ist auch in Ruhe stark aktiv und produziert ständig Inhalte. Das ist solide belegt durch viele Studien an gewöhnlichen Probanden. In diesem Bereich gilt: Denken ist ein Dauerzustand.
Bei geübten Meditierenden zeigt sich etwas anderes. Der amerikanische Forscher Judson Brewer wies 2011 an der Yale University nach, dass bei erfahrenen Meditierenden mit über zehn Jahren Übung jene Hirnregionen, die mit schweifendem Denken einhergehen, während der Meditation deutlich weniger aktiv sind. Auch außerhalb der Meditation veränderten sich die Vernetzungsmuster zwischen diesen Regionen und denjenigen, die für gerichtete Aufmerksamkeit zuständig sind. Was sich also messen lässt, ist klar benennbar: was das Gehirn tut und wie seine Bereiche zusammenspielen.
Eine andere Forschungsrichtung hat in den letzten Jahren begonnen, sehr fortgeschrittene Versenkungszustände zu untersuchen. Eine Forschungsgruppe um Matthew Sacchet am Massachusetts General Hospital in Harvard arbeitet seit 2020 mit hochauflösender Bildgebung an einzelnen erfahrenen Praktizierenden. Die Ergebnisse zeigen Hirnzustände, die qualitativ anders sind als jene, die in gewöhnlichem Wachsein gemessen werden. Mehr lässt sich bisher nicht sagen, denn die Datenbasis ist klein und die Schlüsse sind vorläufig. Bemerkenswert ist allerdings, dass solche Zustände überhaupt messbar sind. Über Jahrhunderte waren Berichte über tiefe Versenkung nur dem persönlichen Erleben einzelner Übender zugänglich. Solche Berichte konnten als Einbildung oder Wahnvorstellung abgetan werden. Wenn die moderne Bildgebung im Gehirn dieser Menschen tatsächlich etwas Eigenes findet, das sich von gewöhnlichen Wachzuständen unterscheidet, dann lassen sich diese Beschreibungen nicht mehr ohne Weiteres beiseitelegen.
Was zwischen diesen beiden Polen liegt, ist offen. Ob ein Mensch ohne formale Übung Phasen restloser geistiger Stille erleben kann, hat die Forschung bislang nicht systematisch untersucht.
Damit endet, was die Wissenschaft zur Frage des Denkens belastbar sagen kann. Sie hat den Alltag gewöhnlicher Menschen vermessen und einzelne, weit fortgeschrittene Praktizierende untersucht. Wie ein Zustand tieferer innerer Stille von innen erlebt wird, ist mit den Mitteln der Wissenschaft ohnehin nicht zu beantworten. Hier endet ihr Werkzeug.