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Vorwort des Übersetzers
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Vorwort zur englischen Vorlage
Lange Zeit erschien es mir, als müsse man den Kern der buddhistischen Lehre aus zahllosen Fragmenten zusammensetzen – wie eine Vase, die aus verstreuten Tonscherben rekonstruiert werden muss. Man findet hier ein Stück, dort ein weiteres und versucht, daraus ein stimmiges Gesamtbild zu formen, während Leimränder verbleiben und Teile zu fehlen scheinen. Das Buddhadhamma präsentiert die vollständige Vase.
In den vergangenen fünf Jahren war dieses Buch ein bedeutender Begleiter im Leben und in der monastischen Schulung. Die intensive Auseinandersetzung mit diesem Werk hat meine Sicht der Welt tiefgehend geprägt.
Tivagaro Bhikkhu
März 2025
Vorwort zur thailändischen Vorlage
Deutschsprachigen Leserinnen und Lesern liegt mit dieser Ausgabe erstmals das vollständige Werk Buddhadhamma vor, übersetzt unmittelbar aus dem thailändischen Original.
Seine, im Vergleich zu anderen postkanonischen Standardwerken, verhältnismäßig junge Entstehungszeit erhöht die sprachliche Zugänglichkeit und Direktheit und macht die buddhistische Lehre auch heutigen Generationen leichter zugänglich. Wer ein fundiertes und sachgerechtes Studium der buddhistischen Lehre betreiben möchte, findet hier eine der umfassendsten Quellen dieser Zeit.
Die erste Fassung der deutschen Übersetzung des Buddhadhamma begann ich in einer kleinen Hütte an einem dicht bewachsenen Hang in Thailand. Sie ging von der englischen Vorlage aus – welche, aus heutiger Sicht betrachtet, gegenüber dem thailändischen Original in Struktur, Aufbau und Wortlaut schon markant abwich. Ich nutzte damals eine Art technisches Baukastensystem zur Übersetzung: Ein Absatz wurde auf Englisch eingegeben und anschließend Satzabschnitt für Satzabschnitt manuell modelliert. So entstand das Buddhadhamma Schritt für Schritt – eine manuelle Übersetzung mit technischen Hilfsmitteln, die eine gewisse Rahmenstruktur der englischen Vorlage bewahrte, und dennoch Entscheidungsfreiraum in der Formulierung einräumte. Diese Vorgehensweise zur Übersetzung war notwendig, denn meine Englischkenntnisse reichten für eine vollkommen freie Übersetzung schlicht nicht aus. Das Ergebnis war akzeptabel und vorzeigbar, wich jedoch durch den Umweg über das Englische und die nun zweite Nachbearbeitung noch weiter vom Originaltext ab.
Mit der nun vorliegenden erweiterten Ausgabe liegt der deutschsprachigen Leserschaft erstmals eine vollständige Übersetzung des Buddhadhamma vor, die unmittelbar auf Phra Ajahn Payuttos thailändischem Original beruht. Der Umweg über die englische Vorlage aus der ersten Ausgabe entfällt hier ebenso wie deren teils weitreichende Eingriffe in den grundlegenden Aufbau. Es entsteht ein originalgetreues Werk, das sonst nur zugänglich wäre, wenn man Thailändisch verstünde. Die sprachliche Nähe zum Original ergibt ein gänzlich anderes Schriftstück, als es mir in der ersten englisch-deutschen Fassung erschienen ist.
Da mein Thai jedoch noch schlechter ist als mein Englisch, kamen bei dieser zweiten Fassung erweiterte technische Hilfsmittel zum Einsatz. Der knapp 1.400 Seiten umfassende thailändische Ausgangstext wurde in kleine Abschnitte zerlegt und nach einem mehrstufigen Prozess in der Zielsprache wieder zusammengeführt. Nach Fertigstellung der technischen Arbeit erfolgte eine vollständig manuelle Revision der deutschen Fassung. Der gesamte Arbeitsprozess stand dabei unter einer grundlegenden Leitlinie: „So nah wie nötig am Deutschen, so nah wie möglich am Thai.“
Ein einfaches Beispiel zeigt die Konsequenz: Wo man im Deutschen eher sagen würde „Der Ehrwürdige Sāriputta sprach“, liest man in dieser Fassung etwa „Ehrwürdiger Sāriputta sprach“ – im Thai wird Definitheit pragmatisch durch den Kontext ausgedrückt, ohne eigene morphologische oder lexikalische Markierung wie einen Artikel. Die deutsche Grammatik bleibt dennoch vollständig gewahrt, und es entsteht eine andere Ausdrucksform, die das gewohnte Lesen bestimmter Wendungen auch für Fachpublikum auf angenehme Weise durchbricht.
Bei dieser sehr wortgetreuen Übersetzung ergaben sich dennoch einige Fälle, in denen ich bei der manuellen Revision eingegriffen habe. Zwei Beispiele: Im thailändischen Original wurde gelegentlich ein Begriff verwendet, der wörtlich mit „göttlich“ wiederzugeben wäre – etwa im Fall des dibbacakkhu, des „göttlichen Auges“. Im Deutschen trägt „göttlich“ jedoch eine monotheistische Färbung, die im thailändisch-buddhistischen Kulturraum so nicht angelegt ist. Ich habe mich daher für die Formulierung „himmlisches Auge“ entschieden, eine Wendung, die im westlichen Kulturraum unmittelbarer verständlich ist, ohne die eigentliche Bedeutung zu verfehlen. Ein weiteres Beispiel ist das Wort „Schicksal“: Wo der thailändische Ausdruck lediglich ein Sich-Ereignen oder ein Zugehen der Dinge meint, wählte ich je nach Zusammenhang „sich anschicken“, „Geschick“ oder ähnliches – Formulierungen, die frei sind von jener Konnotation bloßer Vorbestimmung, die dem deutschen „Schicksal“ anhaftet. Solche Fälle ließen sich noch um einige weitere ergänzen, sie sind jedoch insgesamt spärlich, da ich versucht habe, so minimalinvasiv wie möglich einzugreifen.
Der ehrwürdige Autor selbst formuliert durchgehend nüchtern und distanziert berichtend, ohne erkennbare emotionale Färbung und ohne jene atmosphärische Verdichtung, wie sie ein literarisches Werk vielfach bewusst anstrebt. Diese Zurückhaltung stellt bei technischer Unterstützung einen klaren Vorzug dar. Über einen so umfangreichen Text hinweg bringt ein menschlicher Übersetzer, vielleicht ohne es selbst zu bemerken, eigene Nuancen und Deutungen ein, die auch von Abschnitt zu Abschnitt schwanken können. Technische Hilfsmittel bleiben demgegenüber über die gesamte Textlänge gleichmäßig sachlich an der Vorlage und entsprechen damit genau jener Haltung, die der ehrwürdige Autor selbst durchgehend gewählt hat. Meine eigene Aufgabe bei dieser Fassung bestand entsprechend weniger in freier sprachlicher Gestaltung als in der Durchführung dieses Prozesses und der Prüfung seiner Ergebnisse – eine Rolle, die sich von der eines klassischen literarischen Übersetzers unterscheidet.
Da es sich um ein umfangreiches Projekt handelt – sowohl was den reinen Textumfang betrifft als auch die damit verbundenen technischen und organisatorischen Aufgaben – und ich selbige allein bewältigt habe, sind vereinzelte Fehler nicht auszuschließen. Ich bitte um Nachsicht und hoffe, dass das vorliegende Werk auch strengeren Ansprüchen genügt.
Ein letzter Punkt: Einige interessierte Personen haben mich gefragt, wie sich ein so umfangreiches Werk am besten lesen lässt: Ob man sich einzelne, besonders interessierende Abschnitte heraussuchen und gezielt lesen könne. Auch die englische Fassung ist auf genau diese Weise entstanden: Zunächst übersetzte der englische Übersetzer allein den Nibbāna-Teil und veröffentlichte ihn eigenständig, erst später erschien das Gesamtwerk, wurde während der Arbeit daran aber ebenfalls nicht chronologisch übersetzt. Der letzte Textteil, eine Reihe von Aufsätzen, wurde sogar in der englischen Fassung, nach persönlicher Empfindung des Übersetzers, zerlegt und in den Hauptteil eingereiht.
Nach der Übersetzung und Revision beider Varianten sei mir die Einschätzung gestattet, dass der ehrwürdige Autor gute Gründe dafür hatte, die Aufsätze in eben jener Reihung ans Ende zu stellen, und dass deren bewusst gewählte Themen einen passenden Abschluss bieten.
Ich selbst habe beide Fassungen fortlaufend übersetzt und revidiert, und wer mich danach fragt, dem rate ich, das Werk am Stück und der Reihe nach zu lesen – wie es selbstverständlich jedem selbst überlassen bleibt. Der Grund dafür liegt darin, dass das Verständnis der Lösung eng mit dem vorherigen Verständnis des Problems verknüpft ist. Wer das Problem in seiner Breite und Tiefe verstanden hat, ist der Lösung dadurch bereits ein gutes Stück nähergekommen, auch wenn einige Leserinnen und Leser den Nibbāna-Teil bevorzugt gesondert lesen möchten.
Letztlich bleibt es beim praktischen Erleben, Verstehen, Reflektieren und zur Anwendung bringen.
Dieses Buch kann dabei, so umfassend, detailliert und hochwertig es auch sein mag, nur einen theoretischen, wenn auch grundlegenden, Beitrag leisten.
Tivagaro Bhikkhu
September 2026